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3. WissensDurst S.38-42

Ist es das Leben des Lebens, oder das Leben der Taten?

 

Ich bin eine Person aus mehreren anderen

 

Wohl dem, der sich entwickelt hat wie ein organisches Prinzip, der ohne Interferenzen gewachsen ist. Ich bin eine Reihe von Unterbrechungen, eine Kinoprozession, das Dauern von Täuschungen, geschützt durch eine Physiognomie. Ich bin eine Person aus mehreren anderen. Auch in einer chaotischen Entwicklung herrschen Gesetze, die als bestimmte Grenzen erklärt werden.

Auch allmächtige Impulse können die Grenze des Rechnens nicht überschreiten. In mir kreuzen, verflechten, unterbrechen sich mehrere dieser Gesetze und Gegengesetze. Sie hatten die Freiheit, mich durch Krisen zu zerbrechen und Grenzsteine aus Schulgummi aufzustellen.  

Dem Chaos der Zeit müssen wir die Unruhe der Neurosen schenken. Der Mensch war singulär, der Denker dual, der Erlebende der Erfahrung plural. Im Menschen wurden mehrere Bewusstseine, mehrere Masken, mehrere Seelen genannt.

 

Mehrere Menschen.

Von denen einige gar nicht meine sind; Ballast, Belastung.

Natürlich lebten in mir Blumen und Gras, aber auch ferne Galaxien warfen ihren Blütenstaub hierher. Funken durchbohrten mich wie Embleme brennender Sonnen. Dann sympathisierte ich mit den toten Augen der Fische, dem Gift der Wespen und der geopferten Schnauze der Spanferkel aus den Auslagen der Metzger. Die Embryos glühten wie Ausdrücke ohne stilistische Möglichkeiten, die abortierten Unruhen machten die dunklen Winkel blutig. Es brachen viele Ärmchen der Kinder aus Herodes Zeiten, aber die Kinder wollten im Chor die wunderbaren Irrtümer unreifer Engel singen. Es meldeten sich auch die Stimmen der Mächtigen, die sich von den Propheten und vom Messias getrennt hatten. Auch Luzifers Geist ging nicht an mir vorüber, lange gebunden an die braune Feuchtigkeit schimmliger Keller; auch nicht die Galle des an den Kaukasus geschmiedeten Prometheus, wo die Tscherkessinnen so schön sind. Eine Legion guter Dämonen sammelte sich in mir zum Aufstand, und der Gedanke der Massen war der Rahm und der frische Käse des Unterbewussten. Aber das Bewusstsein, das Bewusstsein war überpersönlich, göttlich; das Bewusstsein war die gleiche Berührung mit dem Kosmos und der pfeilschnelle Fall in sein Nichtbewusstsein. Das Pluraletantum bedeutete die Größe des Menschen, die später in die Rumpelkammer geworfen wurde. Viele rote Schreie wurden so erstickt, viel Streben unterdrückt. Zu den Augen gelangt die glatte Oberfläche des Sees, nicht seine grausigen Tiefen mit den ausgewählten Aalen.

            So meldeten sich mehrere in mir: die einen vernichtet, die anderen gewaltsam hineingeworfen, systematisch übermächtig gegenüber den ersten. Der Genius der Güte wäre keine weibliche Hysterie, sondern Schizophrenie, die zweifach und allseitig sieht und einfach gerecht urteilt. Aber zwei sind wenig, und jede neue Zelle des Geistes ist gevierteilt und in neue Teilchen vermehrt, in neue innere Organismen. Wenn der Mensch ein Kollektiv wurde, der Geist ein Konsortium, dann ist es ein Glück, falls er sich nicht in eine Spielhölle oder eine glänzende Schenke verwandelt. Wohl dem, der ruhigen Gewissens von sich sagen kann: Wir sind. Mag er seine Atomistik genießen und seinen geistigen Besitz hüten.

            Und während ich einen lebenden Geist betrachte, erscheint er mir wie ein voller Brunnen, in den ungebeten Steine geworfen werden. Die Steine trüben ihn, und ich komme mit diesem Fluch des Brunnens nicht zurande. Brunnen sind nicht sauber, nicht klar, nicht durchsichtig bis zum Boden. Quälend ist die trübe Problematik in Brunnen, in denen die Sonne verekelt ist. Denn es gibt Kameraden, die ihren galligen Hass, ihre persönliche Eitelkeit, ihren scharfen Gestank und den Geifer des Zwistes hergebracht haben. Unsere Komplexe sind nicht einfach.

            Wer immer mich gesehen hat, den fragte ich, ob er sich nicht geirrt hat. Denn die Sichseher gehen spazieren und wundern sich übereinander. Was ist in uns elementar: Stil, Unruhe, Umschließen? Die anderen mögen sich nicht über meine Selbstfreude wundern, ich habe ihnen genug Raum und Zeit in mir gewidmet. Die anderen in sich, das ist eine Krise des Gewissens. Und die Schönheit nach einem örtlichen Recht. Die Seele ist breit wie ein öffentlicher Platz, aber nicht so konkret und dauerhaft. Die Dichte der Seele dauert nicht an wie der Stein. Und die Seele bittet, dass sie in die Elemente der Natur zurückkehren darf. Mag sie zerfallen, dann wird sie auferstehen. Das Suchen ist nicht von ihr, denn in ihr reift das Ereignis heran: der Wandel der Natur.

Augustin Tin Ujević

 

„Dem Chaos der Zeit müssen wir die Unruhe der Neurosen schenken“, schreibt Ujević in diesem Text[1].

 

 

  1. Was wissen wir über das Chaos unserer Zeit?

 

  1. Ist dieses Chaos vererbt?

 

  1. Ist dieses Chaos nicht vielmehr das was wir benötigen, um uns fühlen zu können?

 

  1. Wie begegnet man eigentlich sich selbst?

 

  1. Ist es überhaupt notwendig, sich selbst kennenzulernen?

 

  1. Offenbart sich die Persönlichkeit in der Möglichkeit, zu entscheiden?

 

  1. Haben wir überhaupt die freie Wahl?

 

  1. Wurde die freie Wahl nicht schon bei unserer Geburt eingegrenzt?

 

  1. Brauchen wir die Entscheidungs- und die Wahlfreiheit?

 

  1. Ist die Freiheit ein bedeutungsloses Wort?

 

  1. Ist die Freiheit mit Verantwortung verbunden?

 

  1. Falls ja, ist sie dann verpflichtend?

 

  1. Falls sie verpflichtend ist, ist es dann Unfreiheit?

 

  1. Ist es möglich die Ganzheit zu verwirklichen?

 

  1. Ist die Bildung der Persönlichkeit eine Notwendigkeit?

 

  1. Wo ist jetzt der „Mostarer Tisch“?

 

  1. Warum ist es notwendig die Zerstörung wiederaufzubauen?

 

  1. Kann man dem Wahnsinn entfliehen, indem man sich in einem Vers versteckt?

 

  1. Was passiert, wenn die Neurosen Oberhand gewinnen?

 

  1. Ist es wichtig sein Glück und diesen Tropfen Angst weniger zu finden?

 

  1. Schreien oder schweigen?

 

5.

 

DER WAHNSINN DER WAHRHEIT ODER DON QUIJOTE UND SEINE DOPPELGÄNGER

 

Ich betrachte mich im Spiegel: Der Brillenrahmen lässt meinen Blick ernster erscheinen, das Haar verspielt, kastanienbraun, mit der Asche der Jahre bestreut, hüpft nach links und nach rechts, in der Mitte nach der Form des Schädels geteilt.

Der Bart, grau, wächst unkontrolliert – bin ich das oder mein Doppelgänger? Vielleicht bin ich das Bild im Spiegel und dieser Fleischmantel, den ich trage mein Doppelgänger?

Wie auch immer, ich bin jeden Tag von Neuem überrascht, wenn mich der Spiegel anschaut.

Ich senke den Blick vom Spiegel und hebe die Handflächen nach oben, spreize meine Finger: Die Venen sind sichtbar, Hautfurchen, wie Linien einer Zeichnung, die Fingerkuppen bläulich, klare Linien der Handflächen.

Ich setze die Handflächen auf meine Knie, die Ellenbogen leicht im Raum geöffnet.

Ich sitze aufrecht und sehe die Vorderseite meiner Füße und meine Zehen. Ich lockere sie langsam, lasse die Energie bewusster in die Waden und weiter aufwärts fließen.

Ich muss aufstehen und einen Schritt machen; heute hat mich das rechte Bein hochgezogen, aus der Fußsohle, der Ferse heraus, das linke holt nach, aus den Knien heraus.

 

An einer Kreuzung, auf dem Betonpfeiler der Straßenlaterne sitzend, beobachte ich die Passanten. Ich bin entsetzt zu sehen, wie viele Menschen fremd in ihrem Körper sind, verzerrt, als würden sie über den Asphalt stöckeln und versuchen das Gleichgewicht zu halten.

WissensDurst begleitet mich.

Sind wir am falschen Ort, oder saugt die Nähe des Untergrunds, der S-Bahn die ganze Trauer der Stadt auf?

Wo eilen sie hin?

Wir beobachten die Passanten beim Gehen, einer grundlegenden Fortbewegungsart, charakteristisch für Menschen und Tiere. Beim Gehen gibt es keine Flugphase, es gibt kein Entfliehen von der Erde. Der Körper hat Kontakt zum Boden mit Füßen und Beinen und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 1,5 km/h. Die Art des Fuß-Bodenkontakts und das Tempo unseres Gangs trägt unseren Körper, und formt gleichzeitig aktiv unseren Gang, die Leichtigkeit und die Schwere bzw. die Unstimmigkeit unseres Gangs auf Erden.

In diesem Moment hier zu sein, ist es das Resultat von Schnelligkeit und gezieltem Gehen aus einem bestimmten Grund, oder steckt etwas anderes dahinter? Ich habe kein einziges Lächeln, kein einziges offenes Gesicht gesehen.

Es ist früh am Nachmittag, bewölkt, im Januar. Um nach ihrem Gang zu urteilen, würden viele gerne jemanden oder etwas, vielleicht sogar sich selbst – verlassen.

WissensDurst stand auf, er versuchte unbemerkt zu bleiben, und übernahm von einer zufällig ausgewählten Person das Tragen ihres Kopfes auf den Schultern und ihres Körpers auf den Beinen, er spazierte so im Kreis. Er wiederholte es mehrmals, und versuchte vorzudringen in die geheime Seele der nachgeahmten Muskeln und Knochen in Bewegung. Dann fing er an zu kombinieren, verschiedene Teile der erlebten Körper auf die Beine zu stellen, die aus einer Gangart in die andere wechselten.

Eins, zwei, drei, Sprung und Drehung und dann in die andere Richtung. Gehen macht Spaß.

Es ist schwer sich aufzurichten, in der frühen Kindheit beim Laufen lernen, aber auch allgemein im Leben, ungeachtet des Alters.

Wer trägt die Verantwortung, wenn die Gelenke uns in Stich lassen? Der Körperbau oder der Lebenstil?

[1] Originaltitel: „Jedna sam osoba složena od više drugih“ („Ich bin eine Person aus mehreren anderen.“, Übersetzung von Alida Bremer)

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